3. Keyholder-Treffen der Transferinitiative Aachen im Pilotprojekt "Versorgungsbrücken statt Versorgungslücken"
Spirituelle Sorge in Corona-Zeiten
27. November 2020
Johannes Mertens
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Aachen
0241/60003-8010

Menschen in Zeiten der Covid-19-Pandemie rufen mehr denn je nach glaubwürdiger psychosozialer und spiritueller Begleitung – besonders in palliativen Situationen. Das war eine gemeinsame Erkenntnis beim dritten sogenannten Keyholder-Treffen der Transferinitiative Aachen, die sich mit verschiedenen Projekten auf spirituelle Sorge in palliativer Begleitung konzentriert.

Gemeinsam blickten die Projektverantwortlichen der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (KatHO NRW), des Diözesan-Caritasverbandes und der sechs (teil-)stationären und ambulanten Alten- und Pflegeeinrichtungen sowie einer Einrichtung der Eingliederungshilfe auf ein extrem bewegtes und weiterhin bewegendes Jahr zurück. Es zeigte sich: In den zu Jahresbeginn gestarteten Teilprojekten entstanden vor Ort Prototypen von gelingendem Transfernlernen, für die sich die Wortschöpfung Care-Labore fand. Im aktuellen Prozess gehen die einzelnen Care-Labore zum Jahreswechsel in ihre Implementierungsphase über.

Umgang mit Ungewissheiten

Die pandemischen Begleitumstände haben nicht nur die ganze Care-(Sorge-)Landschaft, sondern auch die darin beteiligten Einrichtungen im Transferprojekt vollkommen unvorbereitet getroffen. So war es teilweise schwierig bis unmöglich, die ursprüngliche Projektausrichtung beizubehalten. Der Schutz von und die Sorge für besonders vulnerable Gruppen von Menschen in Corona-Zeiten (z.B. dementiell erkrankte Menschen) war und ist eine immense organisationale Herausforderung. Eine dramatische Paradoxie liegt mitunter darin, dass der Versuch, angemessen auf Risiken zu reagieren, selbst wieder riskant sein kann. Unter großem zusätzlichen Engagement und Kreativität laufen die Alltagsprozesse der Organisationen weiter, so die Verantwortlichen. Gleichzeitig müsse man sich fortlaufend in der Operationalisierung der gesetzlichen Landesverordnungen neu anpassen – und dies teilweise weit über die üblichen Belastungsgrenzen hinaus. Mehr denn je brauche es momentan Orte und Räume, so das einhellige Votum, wo miteinander in Ruhe über die teilweise täglich angepassten Entscheidungen und Anweisungen in der Organisation reflektiert und vorausgedacht werden kann. Es gehe um einen souveränen Umgang mit Ungewissheiten, "für die es in mehr als 30 Dienstjahren keinen Vergleich gibt", so die eindrückliche Bemerkung eines anwesenden Einrichtungsleiters.

Im Kernanliegen bestärkt

Es ist das Kernanliegen der Aachener Transferinitiative besonders in palliativen Versorgungsprozessen für eine spirituelle Begleitung in den beteiligten Einrichtungen Sorge zu tragen, Raum zu geben und dieser Sorge Gesicht und Ansehen verschaffen zu wollen. Dieses Kernanliegen wurde rückblickend ausdrücklich bestärkt – gerade im Umgang mit den in Corona-Zeiten nochmals gestiegenen spirituellen Bedürfnissen von Bewohner_innen, Zugehörigen sowie nicht zuletzt auch von Mitarbeitenden und Leitungskräften selbst. Parallel zur Implementierung des halbstrukturierten klinischen Assessmentinterviews "SPIR" sammeln unter der Überschrift Spiritual Care Momente zwei Einrichtungen diesbezügliche Erfahrungsnarrative der Mitarbeitenden in Feldlogbüchern und binden diese mit Evaluationen aus hermeneutischen Fallarbeitsprozessen in Gruppendiskussionen zur selbst- und patientenzentrierten Reflexion wieder zurück. Zwei weitere Projekte suchen unter dem Slogan „smells like Teamspirit“ebenfalls mit der Verwendung von Narrativen aus Feldlogbüchern und der Implementierung klinischer Assessmentinstrumente nach Selbstorganisationsprozessen einer Spiritual CareTeamkultur. Ein weiteres thematisches Paar bilden zwei Teilprojekte, die unter dem Titel "Spiritualität und Lebensführung" zusammengefasst werden können. In einer Videodokumentation kommen dort Bewohner_innen und Mitarbeiter_innen selbst in persönlichen Portraits zu Wort. Die Interviews mit ihnen greifen Themen zu ihren spirituell-religiösen Beheimatungen, Wertekontexten und spirituellen Bedürfnissen auf und bringen ihre Erfahrungen und Veränderungen gerade in Corona-Zeiten in Wort und Bild.

Drei Arbeitsbereiche

Neben den oben skizzierten Care-Laboren in den Einrichtungen fanden auf einer übergreifenden Ebene in diesem Jahr (mittlerweile in digitaler Form (Bereich 1)) turnusmäßige Keyholder-Treffen, Workshops und öffentliche Kolloquien statt. Zu Beginn der Pandemie wurde ebenfalls eine Blog-Plattform zum Austausch von Akteur_innen im Sozial- und Gesundheitswesen ins Leben gerufen (www.care-lichtblicke.de). Die Plattform stieß auf große Resonanz und Beteiligung –  teilweise auch seitens der Studierenden der KatHO NRW (Bereich 2). Als dritte und komplettierende Ebene wird im Januar 2021 eine explorative Interviewstudie mit Betroffenen, Fachkräften und Leitungspersonen unter dem Titel “Spirituelle Sorge in Corona Zeiten“ starten (Bereich 3). Es zeigt sich, so die Bestätigung der beteiligten Einrichtungsverantwortlichen, dass die Begleitumstände der Covid-19-Pandemie, nicht nur einen neuen Sinn für eine spirituelle Lebensgestaltung wachrufen, sondern auch innovative Antworten und Angebote in der Begleitung von Menschen zutage fördern; vor allem im Umgang mit Sterben, Trauer und Verlust. Insbesondere der Transferlernprozess der Care-Labore erweist sich als flexible Methodik im Lernen von Organisationen, indem dort und dadurch die subjektiven Erfahrungen und Bedürfnisse (das personale Wissen und humane Kapital) verbalisiert, als organisationales Wissen systematisiert und in der Organisationskultur implementiert werden.

Es bewährt sich rückblickend und vorausschauend, dass das Pilotprojekt auf einem offenen Spiritualitätsbegriff aufbaut, der den religionsgebundenen wie religionsungebundenen Spiritualitäten sowohl von Bewohnern als auch Mitarbeitern Raum lässt, Stimme verleiht, möglichst viele an spirituellen Themen und Angeboten beteiligt, von ihren Fragen und Erfahrungen ausgeht, und um deren Resilienzstärkung und Selbstwirksamkeit nachhaltig bemüht ist. Wie bei diesem Treffen bekräftigt wurde, sind es gerade in Corona-Zeiten das Sterben und eine würdige Begleitung, der angemessene Umgang mit Trauer und Verlusten sowie das Vermissen von Personen und Vertrautem, die ein Bewusstwerden und Besinnen auf das, was uns wichtig und wesentlich ist (und uns oftmals fehlt), fördern. Zugleich werden die Begleitenden herausfordert, angemessene und glaubwürdige Antworten darauf zu suchen und zu geben. Das Jahr 2021 lässt einen spannenden weiteren Verlauf der Aachener Transferinitiative erwarten.