Ohne Zeit, ohne Geld, ohne Ahnung...
Barrierefreie Projekte: Weiterentwicklung der sozialen Netze
22. April 2020
Sinem Malgac
Innovation-Lab Bochum
0234/36901-463
Karin Jazra
Innovation-Lab Aachen
0241/60003 - 120

Am 22.04.2020 startete die Online-Vortragsreihe „Disability Studies – Diversity für alle! Oder?“, durchgeführt vom Transfernetzwerk Soziale Innovation (s_inn) und vom Bochumer Zentrum für Disability Studies (BODYS) der Evangelischen Hochschule RWL (EvH) in Kooperation mit der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (KatHO).

Den Auftakt machte der Inklusions-Aktivist, Autor und Medienmacher Raúl Krauthausen mit seinem Vortrag „Barrierefreie Projekte: Weiterentwicklung der sozialen Netze – ohne Zeit, ohne Geld, ohne Ahnung“. Etwa 90 Teilnehmende – bestehend aus einem breiten Fachpublikum und weiteren Interessierten – fanden sich via Onlinekonferenz zusammen und stellten im Anschluss zahlreiche Fragen in Form von Video-Zuschaltung oder Chat. Der Vortrag wurde durch Gebärdensprach- und Schriftdolmetschung barrierefrei gestaltet.

 „Behinderung ist nur eine Eigenschaft von ganz vielen – wie z.B. blonde Haare“

Seit über 15 Jahren setzt sich Raúl Krauthausen für Inklusion und die Rechte für Menschen mit Behinderung ein. Die Gründung der „Sozialhelden e.V.“ im Jahre 2004 nimmt dabei einen besonders hohen Stellenwert ein. Dabei handelt es sich um ein mittlerweile großes Netzwerk aus Aktivisten mit und ohne Behinderung, welche innovative Lösungen für eine chancengerechte und gleichberechtigte Teilhabe aller fortlaufend entwickeln und umsetzen. Insbesondere die Bewusstseinsschärfung zum Thema Behinderung und Etablierung von Inklusion sind als grundlegende Ziele verankert. Diese bauen am Grundstein des menschenrechtlichen Modells von Behinderung auf und folgen somit der UN-Behindertenrechtskonvention. Krauthausen kritisierte, dass besonders in Zeiten der Corona-Krise das medizinische – also an Defiziten orientierte – Menschenbild eine Vorreiterrolle einnehme und somit die wichtigen, sozialen Fragen vernachlässigt würden.

„Wir nehmen unser Leben selbst in die Hand“

Genau hier knüpfen die zahlreichen Projekte der „Sozialhelden“ an, welche durch das „Design Thinking-Modell“ entwickelt und optimiert werden. Das bedeutet, dass aus der Befragung von Menschen mit Behinderung selbst ihre Herausforderungen aus unterschiedlichsten Konfliktfeldern angegangen werden und sie nicht – wie so oft – bevormundet werden:

Neben der weltweit erfolgreichen App „Wheelmap.org“ sorgen u.a. die Apps „Wheelramp“, „BrokenLifts“, „TravelAble“ und „TV für alle“ für den Abbau von Barrieren, in dem sogar jeder Einzelne aktiv mitwirken kann.

Um eine authentische Berichterstattung mit Menschen mit Behinderung zu ermöglichen und das Bild des hilfsbedürftigen oder gar heroischen Behinderten zu entmachten, bieten die Initiative „Gesellschaftsbilder“ und das große Projekt „Leidmedien“ Journalisten Workshops und Beratungsangebote an. Aufgrund der Corona-Pandemie gebe es aktuell eine derart hohe Nachfrage nach Interviews, dass innerhalb kürzester Zeit über 100 Berichterstattungen aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung ermöglicht werden konnten.

 „Deutschland steckt in Sachen Inklusion noch in den Kinderschuhen“

Krauthausen kritisierte, dass man auf besonders harten Widerstand seitens der Behindertenwerkstätten im Hinblick auf Inklusion innerhalb des ersten Arbeitsmarktes stoße. Behinderung gehöre noch immer nicht der Selbstverständlichkeit an und besonders in der politischen Dimension bestehe noch viel Handlungsbedarf.

Um dennoch Jugendlichen mit Behinderung Mut und Inspiration zu geben, präsentiert die Plattform „Andersmacher“ Vorbilder, die erfolgreich im ersten Arbeitsmarkt tätig sind. Ebenso verteilt das Projekt „JOBinklusive“ Tipps und Tricks an Arbeitgebenden und empowert vor allem Arbeitnehmende mit Behinderung, um bestenfalls gar nicht erst den Weg in eine Behindertenwerkstatt zu finden.

 „Jeder hat die Chance ein Held zu werden“

So liege es in unser aller Verantwortung, dass Menschen mit Behinderung gleichwertig behandelt werden und ihre Wünsche und Träume anerkannt werden. Besonders in Zeiten von COVID-19 kann jeder schon mit kleinen Tätigkeiten zum Helden werden: Sei es, dem Nachbarn mit Einkäufen helfen oder einen Blick in das Online-Magazin „Die Neue Norm“ werfen, um mehr über die aktuelle Situation von Menschen mit Behinderung zu erfahren.

Mehr zu Disability-Mainstreaming finden Sie hier.

Redakteurin: Gina Schmitz (Studentin, EvH RWL)

Bild: Gudrun Kellermann (Lehrende, EvH RWL)

 

Sinem Malgac
Innovation-Lab Bochum
0234/36901-463