Systemsprenger
Wenn Erziehungshilfen scheitern
03. März 2020
Tristan Steinberger
Innovation-Lab Köln

„Systemsprenger“ – so heißt der erfolgreiche deutsche Spielfilm des letzten Jahres, der die Herausforderungen der Kinder- und Jugendhilfe in den öffentlichen Diskurs rückte. Doch schon lange sind diese Herausforderungen Inhalt eines regen Austausches zwischen der KatHO NRW und den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe.

Auf Einladung des Innovation-Labs Köln und des Fachbereichs Sozialwesen trafen sich am 03. März 2020 Vertreter*innen der Hochschule und Leitungskräfte aus dem Bereich der Heimerziehung im Rahmen des Transferforums zum Thema „Angebote für Kinder, die Systeme sprengen – Was tun mit sogenannten Systemsprengern?“.

Gleich zu Anfang sprach Prof.‘in Dr. Sabrina Schmidt die sprachliche Schwierigkeit eines passenden Begriffes für die thematisierte Zielgruppe an. Der Begriff „Systemsprenger“ würde eine sehr einseitige, bei den Jugendlichen liegende Verantwortung von Hilfeabbrüchen suggerieren. Vielmehr würden Adressat*innen und Hilfesystem aneinander scheitern, was zu einer negativen Interaktionsspirale führe. Nach Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik, würden sich „Systemsprenger“ durch wiederholte Abbrüche von Hilfemaßnahmen und damit verbundenen negativ wahrgenommenen Verhaltensweisen definieren.

Bei mindestens jeder dritten Maßnahme der Heimerziehung, so Prof. Dr. Sebastian Böhm, würde es zu einem vorzeitigen Abbruch kommen. Besonders seien jene Abbrüche in den Blick zu nehmen, welche durch die betreuende Einrichtung initiiert werden. Dies sei bei etwa 25 Prozent aller abweichend vom Hilfeplan vollzogenen Abbrüche der Fall. Weiter stellte Böhm statistische Merkmale dar, um positive und negative Einflussfaktoren auf den Betreuungsverlauf herauszuarbeiten. „Der geplante und durch die Adressat*innen wahrgenommene Sinn einer Hilfe ist ein besonders schwerwiegender Einflussfaktor und wegweisend für die Veränderung von Hilfen", so die Einschätzungen der betreuenden Einrichtungen.

Gleichzeitig wurde im Dialog mit den Praxisstellen deutlich, dass statistische Daten zwar von großer Wichtigkeit seien, die individuelle Perspektive auf jedes einzelne Kind unter der scheinbaren statistischen Eindeutigkeit jedoch nicht verlorengehen darf.

Das intensivpädagogische Konzept der Hellen-Keller-Gruppe des Raphaelhauses wurde anschließend durch die Bereichsleitung Dorothea Rothkötter vorgestellt. Die Gruppe zeichne sich durch den strukturgebenden und erlebnispädagogischen Charakter aus und biete Hilfen für sieben Mädchen im Alter von 10-14 Jahren mit starkem Aggressionspotential.

Auch Andreas Dohrn und Martin Jorch vom Dortmunder „Team Parkour“ stellten ihr Konzept „Perspektivklärung“ vor und wiesen darauf hin, dass Hilfeverläufe oftmals daran scheiterten, dass Jugendliche im Vorhinein nicht ausreichend beteiligt werden würden. Das Dortmunder Team, welches das Quer-Denken und den Humor als wesentlichen Bestandteil seiner Arbeit betrachtet, möchte durch die Perspektivklärung anschließende Hilfen einleiten, welche auf dem tatsächlichen Willen der Jugendlichen basiere.

Im Anschluss lud Tristan Steinberger vom Innovation-Lab Köln alle Anwesenden zu einem gemeinsamen Austausch ein und lenkte den Blick auf den Transfer zwischen Lehre und Praxis. So endete die Veranstaltung mit einer sehr angeregten und zwanglosen Diskussion.

Das Innovation-Lab Köln und der Fachbereich Sozialwesen bedanken sich bei allen teilnehmenden Praxisstellen für den angeregten Austausch und freuen sich auf das nächste Transferforum zur Heimerziehung im September.

Tristan Steinberger
Innovation-Lab Köln